2. Preis

von Dominik, am 3. Juli 2014 | | 1 Kommentar bisher

Wettbewerbsbeitrag von Mihriban Oragaz (1 von 4)  Wettbewerbsbeitrag von Mihriban Oragaz (2 von 4)Wettbewerbsbeitrag von Mihriban Oragaz (3 von 4)  Wettbewerbsbeitrag von Mihriban Oragaz (4 von 4)

(Wettbewerbsbeitrag von Mihriban Oragaz, geb. 1994)

Begründung der Jury:

Im Wettbewerb „Geld. Das ist kein Zuhause“ wird die vierteilige Bilderserie der Schülerin Mihriban Oragaz mit dem zweiten Preis ausgezeichnet.

Die vier Fotografien im Hochformat wirken auf den ersten Blick wie alltägliche Schnappschüsse einer Handykamera, auf einen zweiten Blick stellt sich jedoch heraus, dass es sich hier um inszenierte, rätselhafte Such-Bilder handelt, die voll hintergründiger Spannung stecken:

Das erste Bild zeigt eine Hand, die zum Öffnen einer Tür Geldscheine als Schlüssel benutzt, und im Begriff ist, diese in das Schlüsselloch zu stopfen. Auf dem zweiten Bild hält eine Hand einen Fächer aus Geldscheinen zum Fenster hinaus, auf Bild drei und vier sitzt ein junges Mädchen gebeugt auf den Stufen vor einer Haustür, ihr Gesicht unter einem dichten dunklen Haarschopf verborgen. Vielleicht ausgesperrt oder auf jemanden wartend, verharrt sie auf den Stufen vor der Tür, sortiert versunken Geldscheine, die sie auf dem folgenden Bild in rätselhafter Weise mit Kieselsteinen auf den Stufen fixiert. Weitere Geldscheine hat sie auf und in ihren Schuhen drapiert.

Je länger man die Bildfolge betrachtet, desto mehr Fragen drängen sich dem Betrachter auf. Mihriban Oragaz‘ Kompositionen entpuppen sich bei näherer Betrachtung als gleichzeitig rätselhaft und intensiv – sie scheinen sich der menschlichen Logik zu widersetzen und spielen mit Andeutungen und Assoziationen. Mit fragilem Banknotenpapier eine verschlossene Tür zu öffnen – eine Traumsequenz? Oder ein politischer Kommentar? Bild zwei ruft dem Betrachter zwar die geläufige Redewendung “das Geld zum Fenster hinaus werfen” ins Gedächtnis, die Hand, die den Geldfächer hält, scheint das Geld jedoch gar nicht aus dem Fenster werfen zu wollen, sondern hält die Banknoten mit graziler Hand nach draußen. Die Geldscheine befinden sich nicht im Mittelpunkt des Bildes; lässig angeschnitten und beiläufig am Rand rangiert der Fächer. Irritiert versucht das Gehirn, den Geldscheinfächer (der Reichtum und Luxus verspricht) mit der Klinkersiedlung im Hintergrund in Einklang zu bringen. Auch Bild drei und vier klären die Situation nicht auf, es bleibt ein wohl gehütetes Geheimnis, was das Mädchen auf den Stufen wirklich vorhat.

Diese rätselhafen, beinahe schroffen Bilder, zaubern dem Betrachter ob ihrer Absurdität ein irritierendes Lächeln auf die Lippen und erinnern dabei an den Entwicklungsprozess eines Foto-Negativs: Ein Hauch des Unfertigen verbleibt in ihnen – um das, was nicht gezeigt wird, scheint es hier zu gehen: die absurde Funktion von Geld, vom Besitz. Die Geldscheine fungieren als untauglicher Türöffner, mit dem sich das eigene Heim nicht öffnen lässt, als Fächer ohne Funktion, als auf dem Boden abgelegte Artefakte, von denen man scheinbar völlig vergessen hat, was sie bedeuten und wozu sie nützlich sein könnten.

Mihriban Oragaz‘ Fotografien sind scheinbar unspektakulär gehalten, Belichtung und Bildausschnitt erzählen eine Schnappschuss-Ästhetik, die Authentizität suggeriert. Sie setzen sich stark von gängiger Hochglanzfotografie ab und verstärken durch ihre formale „roughness“ die Rätselhaftigkeit der Bilderserie. Mihriban Oragaz führt in einer beschwingten Beiläufigkeit die Wichtigkeit und Bedeutung von Geld ad absurdum.


Ein Kommentar zu 2. Preis

  1. Georges Georges Dupont says:

    Herzlichen Glückwunsch!

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